Zeitzeuge Mario Röllig

„Rache bringt gar nichts!“

Der Berliner Mario Röllig ist Opfer des Ministeriums für Staatssicherheit. Drei Monate litt er in der Gefangenschaft der Stasi, da er von der DDR in die BRD flüchten wollte, und trägt heute noch psychische Schäden von der Zeit im Gefängnis. Mittlerweile hat er seinen eigentlichen Beruf als Einzelkaufmann aufgegeben und geht an Schulen, Universitäten, zu Parteien und ins Ausland, um von seiner Biografie zu berichten. Wir durften am 29. Juni 2015 Teil eines überaus interessanten Vortrags werden.

Der Vortrag beginnt mit einem von Schülern gemachten Film aus der Reihe „Du bist Geschichte“, der vom Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen handelt und das Vorgehen der Stasi beschreibt. Doch um erklären zu können, wie man in Gefangenschaft geriet und was passieren muss, damit man aus seinem Heimatland flüchtet, braucht es einen Zeitzeugen. So erzählt Röllig von seinem Leben in der DDR.
Kleinkinder lernen zu marschieren, bekommen Geschichten zu hören, die militärischen Hintergrund haben. In der anschließenden Grundschule wird es nicht besser. Um 8 Uhr wird zum morgendlichen Fahnenappell gebeten. Alle fein gekleidet, in blauer Uniform. Ist man anders, fällt man auf. Wie auch der heute 47jährige Mario Röllig. Stolz mit einem knallgelben, aus dem Westen stammenden Franz Beckenbauer-Fan-Trikot gekleidet, hebt er sich von der restlichen Gleichheit schon am ersten Schultag ab, weswegen er vor der Klasse gedemütigt und zum Gespräch mit dem Direktor gebeten wird.
Genauso ist die DDR ein militärischer Staat, was sich im Unterricht bemerkbar macht: In Mathe wird kein Obst und Gemüse gezählt, dafür Soldaten und Panzer, beim Sport gibt es Noten auf Handgranatenweitwurf und im Heimatkunde-Unterricht lernt man weniger über Flora und Fauna als dass die in der DDR lebenden Bürger das Ende der Evolution und die am höchstentwickelten Persönlichkeiten sind. Wer kein Pionier ist, darf nicht mit auf Klassenfahrt, gehört ganz einfach nicht dazu. Und vier, höchstens sechs von 30 Schülern einer Klasse bekommen das Abitur. Aber nicht etwa wegen besonderer Intelligenz, viel mehr spielt das Elternhaus, die politische Einstellung sowie Beziehungen eine wichtige Rolle, frei nach dem Motto: „Eine Hand wäscht die Andere.“
Nach dem Mario Röllig kein Abitur bekommt, wird er Kellner im Restaurant des Flughafens in Berlin. Ein Job, bei dem man zu DDR-Zeiten viel mehr Geld verdient als mancher Akademiker. Das bis dato angenehme Leben änder sich aber schnell mit dem „Coming out“ Rölligs als Schwuler. Im Ungarn-Urlaub lernt er einen Mann aus Westberlin kennen, regelmäßige Treffen folgen. Doch das Glück wird schon ein Jahr später in Luft aufgelöst. Mario Röllig wird von zwei Männern der Stasi gebeten, Informationen über seinen Freund, der ein wichtiger Wirtschaftspolitiker im Westen  Berlins ist, preiszugeben. Als er sich weigert, als Spitzel zu arbeiten, wollen ihn die Beamten mit einem Trabant oder einer neuen Wohnung „bestechen“. Röllig bleibt hartnäckig und verliert daraufhin seinen gut bezahlten Beruf.
Seine Überwachung, oder auch Bespitzelung genannt, beginnt ab diesem Zeitpunkt. Die Folge: der Wunsch nach Freiheit und der Wunsch des damals 20jährigen aus der DDR, zu flüchten. Der Plan geht nicht auf. Er landet im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Mario Röllig weiß aber nicht, wo er sich befindet. Viele Drohungen, viele Verhöre und ein gutaussehender Stasi-Beamter prägen Röllig. Der Mann erinnerte ihn stark an den damaligem Freund, ein bewusste Maßnahme der Stasi.
Nach ca. drei Monaten, ohne Kontakt zur Außenwelt und zu Familie, kommt Rölligs Rettung.Durch Kontakte seiner Eltern kommt er auf die Freikaufliste der BRD und wird schließlich für umgerechnet 45.000 Euro vom Westen freigekauft. Zunächst wird er in die DDR auf Bewährung entlassen. Für Röllig bedeutet das nur „eine Vergrößerung der Zelle“. Bald wird er jedoch in den Westen ausgewiesen. Am 8. März 1988 um 0 Uhr kommt er in der BRD an. Diesen Tag bezeichnet er als den schönsten Tag seines Lebens, den er bis heute als zweiten Geburtstag feiert. „27 klingt ja auch besser als 47,“ sagt der heute immer noch in Berlin lebende und lacht. Die folgende Freiheit bedeutet für ihn: „Endlich raus, frei sein und ein selbstbestimmtes Leben führen.
Mario Röllig ist mit dem Leben davon gekommen, aber er hat ein Foltertrauma davongetragen und wird nie wieder der gleiche Mensch wie vor der Haft sein, so sagt er. Darüber zu reden hilft ihm, besser mit den Geschehnissen zu leben.Auch möchte er die Jugendlichen von heute aufklären und extremistischen Gruppen, egal ob links oder rechts, entgegenwirken.
Warum er sich gegen die Gewalt gegen Stasi-Offiziere und für das Reden als Wutabbau entscheidet? „Rache bringt gar nichts. Es tut ihnen viel mehr weh, indem ich Leuten erzähle, was für schlimme Menschen sie waren.“

Oliver Tippl und Anna Frey