Talk mit den Botschaftern – oder: Die Botschaft von Europa

... Initiiert und gecoacht wurde die Veranstaltung  durch den Kursleiter Tobias Dollenmaier unter Mithilfe der Lehrkräfte Daniela Lebender und Michael Spannring, und es wurde ein für alle Anwesenden anregendes Ereignis, selbst für die Diplomaten: „Der Botschafter Darius Semaška war begeistert, wie interessiert, konzentriert und motiviert [die] Teilnehmer während der ganzen 3,5 Stunden langen Veranstaltung waren.“ – so nachzulesen auf dem Facebook-Auftritt der Litauischen Vertretung in Berlin.
Nach dem gelungenen Auftakt durch den Schulchor, der den Flashmob „Cup-Song-Earth“ sang, und einem interaktiven Quiz, bei dem die gut 200 Gäste via Smartphone ihr Europa-Wissen (leider nicht immer erfolgreich) unter Beweis stellen konnten, wurden in einer ersten Frage- und Antwort-Einheit die Bedeutung Europas und die Beziehungen der Diskutanten zu Europa erörtert. Dr. Laanemäe erzählte, dass er in Kanada aufgewachsen sei und erst 1991 den Weg in die Politik und in den diplomatischen Dienst gefunden habe, nachdem die baltischen Staaten die Unabhängigkeit von der Sowjetunion erlangten. 1991 war auch die Zäsur in der Vita Semaškas, der ursprünglich Mathematik studiert hatte, da in der UdSSR ein „neutrales“ Fach wie Mathe mehr Sicherheit unter den Bedingungen eines Überwachungsstaates bot und die freie Meinungsäußerung sehr gefährlich war. Besonders geprägt waren die beiden baltischen Botschafter durch die Erfahrung des Baltischen Weges. Dabei bildeten am 23.8.1989 in Erinnerung an den fünfzigsten Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes tausende Balten eine gut 500 km lange Menschenkette von Vilnius bis nach Tallinn: Das düsterste Geschehen der Geschichte (so die beiden Botschafter) sollte umgewandelt werden in Freiheit, die längste Menschenkette, die es in der Geschichte bisher gab, sollte zeigen, dass mit Solidarität alles möglich ist. Dieser Baltische Weg, der nur wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer gebildet wurde, führte schließlich zur Unabhängigkeit Litauens und Estlands am 20.8.1991.
Botschafter Mart Laanemäe betonte, dass das wichtigste Merkmal eines Botschafters sei, eine Botschaft zu haben: ohne Botschaft kein Botschafter. Seine Botschaft ist, dass durch Demokratie und Gemeinschaft die Geschichte seines Landes 1991 eine positive Wende erfuhr, und diese Werte möchte er repräsentieren. Semaška hob noch hervor, dass gerade das Interesse an Menschen und Themen einen Botschafter auszeichnen sollte – auf diese Weise könne er Brücken bauen. Er sei glücklich und stolz, Botschafter in Deutschland sein zu dürfen, einem so großen und wichtigen Land in der Mitte Europas – wobei er verschmitzt hinzufügte, dass den Litauern das wirtschaftliche Wohl der BRD besonders am Herzen läge, da 50% der litauischen Waren nach Deutschland exportiert würden. Immer wieder wurde deutlich, dass von der Gemeinsamkeit und der Kommunikation der Staaten untereinander der Erfolg und das Glück von Menschen in hohem Maße abhängen, und dass man von den Stärken der anderen durchaus profitieren könne. Dies unterstrich auch Ingo Friedrich, der aus seiner langjährigen Zeit als EU-Abgeordneter anekdotenreich berichten konnte. Er legte überzeugend dar, wie 1979 die Tätigkeit eines EU-Abgeordneten noch als unwichtig abgetan wurde, mittlerweile aber die Bedeutung der EU kaum mehr überschätzt werden könne. Gerade in Zeiten des globalisierten Marktes, in denen einzelne Firmen über eine größere Finanzkraft verfügten als manche Staaten, müsse man sich eine gemeinsame Strategie der Markterschließung erarbeiten. Natürlich sei das kein leichtes Unterfangen, was schon bei sprachlichen Verständigungsproblemen beginnt, den starken Einflüssen der Lobbyisten-Verbände, aber auch Kleinigkeiten wie der Deutung von Symbolen (12 Europasterne als Mariensymbol?), … insgesamt ist es aber ein lohnendes Unterfangen, die 500 Millionen Europäer in einem gemeinsamen (evtl. „staatenähnlichen“) Haus zu vereinen.
Diese „Vereinigung“ brachten nach einer kurzen Pause die Streicher des Schulorchesters zum Ausdruck mit der Ode an die Freude Ludwig van Beethovens, die als Europa-Hymne dient, und in deren Text es verheißungsvoll heißt: „Seid umschlungen Millionen!“ Es folgte ein kurzes Grußwort der stellvertretenden Landrätin Cornelia Trinkl, die im Namen der örtlichen Europaabgeordneten Marlene Mortler für die Schülerinnen und Schüler des AK Politik eine Einladung nach Brüssel aussprach.
In einem zweiten großen Block stellten die Botschafter ihre Länder und ihre Botschaft vor. Darius Semaška betonte besonders die Bedeutung der Digitalisierung in Litauen, die selbst „im tiefsten litauischen Wald“ eine gute digitale Abdeckung biete und weit über internationalem Durchschnitt liege. Hierin könne Litauen Deutschland ein Vorbild sein, aber auch hinsichtlich der weniger überbordenden Bürokratie. Der litauische Botschafter verwies außerdem auf die enorme Bedeutung der 600 deutschen NATO-Soldaten, die in seinem Land stationiert seien. Dieser Außenposten der NATO sei für Litauen von höchster Relevanz, um eine Annexion durch Russland – wie 2014 in der Ukraine geschehen – zu verhindern. Würde Russland das Baltikum annektieren, wäre dies das Ende der NATO, da das Verteidigungsversprechen nicht eingehalten worden wäre – aus diesem Grund bittet der litauische Botschafter intensiv um das weitere militärische Engagement der BRD. Die Befürchtungen vor einer möglichen russischen Annexion teilt auch der estnische Botschafter Dr. Mart Laanemäe. Er weist aber auch darauf hin, dass ein moderner Krieg nicht mehr mit klassischen Waffen geführt werde, sondern als Cyber-War, und gerade sein Land sei 2007 Ziel eines konzertierten Hackerangriffs gewesen – dank dieses Zwischenfalls habe man mittlerweile weltweit anerkannte Verteidigungsstrategien entwickelt. Dr. Mart Laanemäe schilderte im Rahmen seiner Landesvorstellung auch die intensiven historischen Beziehungen zwischen Estland und Dänemark und den deutschen Hansestädten – die Verbindung seines Landes nach Europa sei immer zum Vorteil seines Landes gewesen, und dies gelte nicht nur rückblickend, sondern auch für die Gegenwart.
Ausgeklungen ist der Abend mit dem stimmungsvollen Beatles-Song „While my guitar gently weeps…“, dargeboten von einem Quartett-Combo, in dem es heißt: „I look at the world and I notice it's turning“! – Dass sich die Welt wandelt, ist Zustandsbeschreibung und Appell, denn: „Unsere Zukunft ist Europa!“.
Reinold Härtel