Ovid-Erzähler am CJT-Gymnasium Lauf

In nova fert animus mutatas dicere formas…“ – „Mein Geist drängt mich in neue(n) Formen verwandelte Dinge zu besingen…“. Entsprechend diesem Motto verzauberte der Geschichtenerzähler Martin Ellrodt aus Nürnberg am 13. April 2018 im Musiksaal des CJT-Gymnasiums Latein-Oberstufenschüler aus Lauf und Hersbruck mit Sagen aus Ovids Metamorphosen. Geschickt verknüpfte der Erzähler ausgewählte Stoffe aus den ca. 250 Mythen, die uns Ovid (43 v. – 17 n. Chr.) unter dem Titel Metamorphosen („mutatas formas“ = Verwandlungen) überliefert hat, mittels Themen- und Stichwortassoziationen. Den Rahmen bildete die Sage von Orpheus und Eurydike: Der berühmte thrakische Sänger Orpheus wurde am Hochzeitstag Witwer wegen eines Schlangenbisses, durch seinen Gesang wollte er die Unterweltgötter Hades und Persephone davon überzeugen, ihm seine allzu früh verstorbene Braut Eurydike zurückzugeben. An dieser Stelle leitete Ellrodt über auf die Erzählung von Persephones´ Entführung. Der Unterweltgott Hades raubte – entbrannt durch Liebe – das schöne Mädchen Persephone, die Tochter der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter. Es kam durch Vermittlung des Göttervaters Zeus zu einem Kompromiss: In den Monaten, in denen Persephone bei ihrem nunmehrigen Mann in der Unterwelt weilt, herrscht auf der Welt Winterskälte, wenn Persephone dagegen auf Erden ist, genießen wir den Sommer. Durch die Assoziation „Liebe mit Problemen“ gelangte Martin Ellrodt zur unglücklichen Liebesgeschichte von Perseus und Andromache – erst posthum dürfen sie als Sternbilder am Himmel nebeneinander in Ewigkeit strahlen… Durch diese Aneinanderkettung von Sagen konnte sehr schön nachvollzogen werden, was der lateinische Begriff für Epos, nämlich „carmen perpetuum“, eigentlich meint: „ein unaufhörliches Lied“. Diese Erfahrung war für die Schülerinnen und Schüler tatsächlich neu, steht doch im Lateinunterricht eher der mikroskopische Blick auf den einzelnen Textabschnitt im Vordergrund. Neu waren für die Zuhörer auch manch unbekanntere Mythen, wie z.B. die Story von Erysichthon, der zur Strafe für einen Frevel mit unaufhörlichem Hunger bestraft wurde -  er war so unersättlich, dass er sich am Ende selbst verzehrte, nachdem er schon seinen ganzen Besitz eingebüßt hatte. Diese Sage ist nicht nur phantasievoll, sondern zeugt auch von der feinen psychologischen Beobachtungsgabe Ovids, und es nimmt nicht Wunder, dass Sagen-Persönlichkeiten des Ovid oftmals als Namensgeber für psychische Erkrankungen und Phänomene herhalten mussten (z.B. Pygmalion-Effekt…). Ovids Bedeutung liegt vor allem darin, dass ihm nichts Menschliches fremd war, dass er ohne zu moralisieren ein scharfer Beobachter seiner Mitmenschen und Gesellschaft war – trotz allen Wandels bleibt die psychische Grunddisposition der Menschen unverändert, was die Ovid-Lektüre auch heute noch empfehlenswert macht. Ebenfalls ein neues Erlebnis war für die Schüler die Konzentration auf das gesprochene Wort: Martin Ellrodt verstand es, in geschliffener, gleichmäßiger und an Ovid geformter Sprache 120 Zuhörer/innen für über 80 Minuten in seinen Bann zu ziehen, in den Bann Ovids. Insgesamt war es ein sehr gelungener Vortrag, der über „Verwandlung als Lebensprinzip“, „Unsterblichkeit durch Kunst“, „Liebe und Tod“ … nachdenken ließ und zeigte: Latein erschließt nicht nur einen sprachlichen, historischen und kulturgeschichtlichen Horizont, vielmehr öffnet es die Tür zum Leben!
Reinold Härtel, OStR