DDR-Zeitzeuge Mario Röllig zu Besuch am CJT

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Rölligs Schulzeit ist stark von der kommunistischen Ideologie geprägt worden. Durch politische Propaganda im Unterricht, der Jugendorganisation ,,Freie Deutsche Jugend`` und das häufige Arbeiten in Gruppen hatte man versucht, die Heranwachsenden zu einer ,,sozialistischen Persönlichkeit´´ zu erziehen. Obwohl Röllig seine Schulzeit als ideologisch völlig überfrachtet beschreibt und früher bei gelegentlichen kritischen Bemerkungen auf starke Ablehnung und Unverständnis seitens des Systems stieß, ist ihm seine Kindheit, aufgrund seines privaten Umfelds, trotzdem recht angenehm in Erinnerung geblieben.
Da das Abitur durch die Planwirtschaft in der DDR staatlich reglementiert worden ist, hatte er nicht die Möglichkeit, ein Abitur zu machen. Stattdessen fing er, auf den Rat seines Vaters hin, eine Ausbildung in der Gastronomie an. Röllig bekam einen Arbeitsplatz im Flughafenrestaurant Berlin Schönefeld, mit dem er zu der Zeit sehr zufrieden war und auch ein überdurchschnittlich gutes Gehalt verdiente.
In dieser Zeit unternahm er häufig Reisen nach Osteuropa, in andere sowjetisch kontrollierte Staaten. Auf einer seiner Reisen lernte er in Ungarn einen jungen Mann aus Westberlin kennen, der einige Jahre älter war als er und in den er sich verliebte. Fortan traf man sich mehrmals in der Woche in Ostberlin.
Als ihre Beziehung bereits etwa ein Jahr währte, trafen eines Tages zwei Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit an seiner Arbeitsstelle ein. Für die beiden Stasi-Mitarbeiter war die Beziehung von großem Interesse, da Rölligs Freund ein wichtiger Wirtschaftspolitiker aus Westberlin war und sie sich erhofften, Röllig als Spitzel einsetzen zu können, um somit an persönliche Informationen über seinen Freund zu kommen. Röllig lehnte dies vehement ab. Die Stasi-Mitarbeiter versuchten ihn über das schnelle Bereitstellen eines Trabanten, kurz Trabi, auf den man in der Regel 10 Jahre lang warten musste, und einer Wohnung, Wartezeit sonst immerhin 8 Jahre, zu „überzeugen“. Auf die Aussage, dass er sich, wenn er sich auf die Tätigkeit eines Spions einlassen würde, seinen Wohnort frei aussuchen dürfe, antwortete Röllig mit den zwei Worten, die sein Leben ab dahin so folgenschwer prägen würden: „Westberlin Charlottenburg“.
Eine Reaktion auf seine Worte folgte schnell. Etwa drei Wochen später wurde er von seinem Arbeitsplatz am Flughafenrestaurant Berlin Schönefeld frei gestellt und musste fortan in einem S-Bahn Restaurant als Tellerwäscher arbeiten, bei dem er täglichen Schikanen seiner Vorgesetzten ausgesetzt war. Zudem wurde er fortan ständig von der Staatssicherheit beobachtet, wodurch er sich stark in seiner Privatsphäre eingeschränkt fühlte. Für Röllig wurden diese Lebensumstände zunehmend belastender, weshalb er für sich den Entschluss fasste, in den Westen zu fliehen.
Er entschied sich für eine Flucht über den Süden Ungarns, die allerdings scheiterte, da er kurz vor der Grenze zu Jugoslawien von einem Kopfgeldjäger gefasst worden ist.
Nachdem er zunächst eine Woche, unter verheerenden Zuständen, in einer schmutzigen, dunklen Kellerzelle, im zentralen Polizeigefängnis in Budapest verbracht hatte, wurde er anschließend an die DDR ausgeliefert, wo er seine Untersuchungshaft im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen verbringen musste.
Während seiner gesamten Haft erlebte er heftige Formen der psychischen Folter; vollständige Isolation von Mithäftlingen, Beleidigungen und Erniedrigungen von Stasi-Mitarbeitern, das Tragen eines warmen Trainingsanzuges bei über 35 Grad in der Zelle, das Verbot Sport zu treiben, ständige Beobachtung, tagsüber nur aufrechtes Sitzen auf dem Hocker, Stehen oder Gehen, Wecken in der Nacht, wenn er in einer anderen Position als der Rückenlage schlief und Drohungen, seiner Familie privat und beruflich einschneidende Strafen aufzuerlegen, sollte er nicht kooperieren.
In dieser Zeit wussten weder Freunde noch Familie, wo sich Röllig befand. Die einzige Information, die ihnen vorlag, war, dass er sich, aufgrund eines Fluchtversuches in politischer Gefangenschaft befand. Daraufhin trat seine Familie mit einer bekannten Rechtsanwältin in Kontakt, wodurch Röllig über eine steigende Bekanntheit im Westen verfügte und anschließend für eine hohe Geldsumme vom Westen aus dem Gefängnis zunächst zurück in die DDR freigekauft worden ist. Zurück in Freiheit entschied sich Röllig allerdings bewusst dafür, weiterhin kritisch seine Meinung zu äußern, woraufhin das DDR-Regime ihn nicht mehr im Land haben wollte und ihn daraufhin in den Westen „freiließ“. 
In den drei Monaten, in denen sich Röllig in Gefangenschaft befand, entwickelte er eine posttraumatische Belastungsstörung, die Angstzustände und Depressionen mit sich brachte und zu dessen Behandlung er einige Jahre in Therapie gegangen ist.
Heute findet er es wichtig, über seine Erlebnisse zu sprechen. Man solle auf keinen Fall vergessen, was damals so vielen Menschen, die eigentlich nur nach einem Leben in Freiheit strebten, aber vom Regime genau dafür verurteilt und bestraft worden sind, widerfahren ist.
Als abschließenden Rat gab Röllig den Schüler: innen mit, dass sie wachsam sein und Dinge hinterfragen und überdies auch den Mut aufbringen sollten sich einzumischen, wenn sie denken, dass etwas nicht richtig ist.
Mario Röllig hat uns mit seinem Vortrag einen interessanten und auch sehr persönlichen Einblick in eine der vielen Geschichten von politisch Verfolgten in der DDR gegeben.
Bianca Ebert und Elena Wehner, 9PD