DDR-Geschichte ganz nah: Mario Röllig am CJT

Gleich zu Beginn seines Vortrags am CJT weist Mario Röllig, der als junger Mann die brutalen Seiten des DDR-Regimes erfahren musste, darauf hin, dass auch die DDR, wie meist alles im Leben, zwei Seiten hatte. „Wer sich nichts zuschulden kommen ließ und sich mit dem Regime identifizierte, hatte nichts zu befürchten und ein schönes Leben.“ Damit dies in den meisten Familien funktionierte, gab es ein Leben außerhalb und ein Leben innerhalb der eigenen vier Wände. Und Mario Röllig wuchs behütet auf, wusste seine Eltern auf seiner Seite. Dies blieb, sagte er voller Dankbarkeit, auch so, als er sich zunächst unbewusst, später bewusst gegen das System DDR stellte. Das erste Mal bei seiner Einschulung. Seine Mutter hatte ihm die entsprechende Uniform der Freien Deutschen Jugend aufs Bett gelegt, die anzuziehen allen neuen Schülern eine Pflicht war. Er aber tauschte die Uniform mit einem knallgelben T-Shirt, das ihm seine im Westen lebende Tante geschickt hatte: mit dem Konterfei seines fußballerischen Idols Franz Beckenbauer. Stolz wie Oskar fiel ihm beim Fahnenappell gar nicht auf, dass er als einziger völlig aus der Rolle fiel; seinen Lehrern hingegen schon, und so durfte er bereits am ersten Schultag Bekanntschaft mit dem Schuldirektor machen.
Unterordnung im Sinne von „nicht auffallen“ wurde fortan zu seiner ersten Pflicht – bis er als Jugendlicher sein Coming Out hatte und sich in einen Westberliner verliebte. So schnell konnte er gar nicht schauen wie die Stasi, die Staatssicherheit der DDR, ihn im Visier hatte und ihn als Spitzel anheuern wollte: sein Freund war in der Politik tätig und daher ein interessantes Objekt für die Stasi. Als sich Mario Röllig weigerte, verlor er seinen gut bezahlten Job als Kellner – „ich verdiente doppelt so viel Geld wie ein Arzt“ – und musste Teller waschen. So schmiedete er fortan Fluchtpläne. „Von Ungarn sollte es über Jugoslawien in den Westen gehen – wenig gesichert und vor allem kein Schießbefehl wie an der DDR-Grenze zur BRD,“ wie Mario Röllig bemerkt. „Die Sperren hätte ich vielleicht überwunden, aber an den Grenzsoldaten wäre ich nicht vorbeigekommen. Einer hätte getroffen, gab es doch besondere Auszeichnungen und eine hohe Geldprämie“. „Was ich nicht wusste, war, dass viele ungarische Bauern aus purer Not gegen eine Geldzahlung für jeden erwischten Flüchtling mit der Waffe Jagd auf eben diese Flüchtlinge machten, sonst hätte ich den Versuch nicht gewagt.“ Und so kam es wie es kommen musste. Die jugoslawische Grenze schon in Sichtweise, pfiffen plötzlich Kugeln um ihn herum. Dennoch rannte er im Zigzag weiter, bis er kurz vor der Freiheit stolperte und dann das Gewehr an seinem Kopf spürte. Schnell fuhren Transporter vor und Mario Röllig befand sich auf dem Rückweg nach Ostberlin.
Dort angekommen wurden er und andere „Erwischte“ in Käfige gesteckt und stundenlang durch Ost-Berlin gefahren, um die Orientierung zu verlieren. Endziel war Berlin-Hohenschönhausen, das wohl berüchtigste Stasi-Gefängnis seiner Zeit. Es folgten Isolierhaft, Befragungen, Schikanen aller Art – so durfte man sich tagsüber nicht auf die Pritsche legen, nachts nicht auf die Seite drehen (das Gesicht musste immer durch den Türspion erkennbar sein), die Heizung in der Zelle lief auch bei 30 Grad und die Sträflingskleidung durfte nicht ausgezogen werden. „Das Schönste waren immer die seltenen und kurzen Hofgänge. Obwohl es immer streng verboten war in den Himmel zu schauen, gelang mir dies ab und zu – die Wachen hatten auch noch andere ‚Hofgänger‘ in anderen Hofabschnitten zu überwachen – und einmal flog über mir eine PanAm – ein amerikanisches Flugzeug. Da wusste ich, die Freiheit kommt und ich darf nicht aufgeben.“ Und Mario Röllig sollte Recht behalten. Über Freunde, die Kontakte in den Westen hatten, gelang es schließlich, ihn nach drei Monaten aus dem Gefängnis zu holen. Schließlich wird er von der BRD freigekauft. Der Westen löste ihn quasi aus – ein nicht unübliches Verfahren der DDR-Führung, um an die begehrte Westwährung zu kommen.
Sein erster Weg führte ihn nach Westberlin – ein gefährliches Unterfangen, denn er durfte ostdeutschen Boden nicht betreten – zu seinem Freund, für den er all das ihm zugefügte Leid ertragen hatte. Dort jedoch musste er feststellen, dass dieser ein Doppelleben geführt hatte und verheiratet war. „Ich habe ihn nie mehr gesehen“, endet Mario Rölligs Vortrag, bei dem er erneut die Kunst vollbracht hat, so authentisch und zugleich ohne Groll zu bleiben, dass die Schülerinnen und Schüler ihm förmlich an den Lippen klebten. Auch so kann Zeitgeschichte für junge Menschen erlebbar gemacht werden.
Und so blieb auch sein letzter Satz auf die Frage, wie er denn den Fall der Mauer erlebt habe, ehrlich: „Ich war entsetzt und hatte Angst, denn die Mauer hatte mich und meinesgleichen vor denen geschützt, die im Namen der DDR so viel Unrecht begangen hatten.“

Matthias Kausch