Austausch mit der indischen Partnerschule DPS Bangalore South

Ein heißer, stickiger Raum, gespannte Zuhörer, Kurzvorträge, Fragen und Nachfragen – im Sommer 2014 begann für die Teilnehmer des Indien-Projekts 2015 die lange Reise nach Bangalore – und sie endete mit einem gemeinsamen Abschlusswochenende im Juli 2016. Zwei Jahre des Zusammenwachsens der Gruppe, zwei Jahre des Entdeckens und Kennenlernens von Menschen und ihrer Kultur, zwei Jahre voller Intensität und Dynamik eines Austausches über Kulturen und Kontinente in unserer globalisierten Welt hinweg. Und jeweils drei Wochen der Erfahrung, Gastgeber zu sein, aber auch Gast zu sein. Die lange Vorbereitungszeit, die Dauer der jeweiligen Aufenthalte und die daraus folgende intensive Begegnung machen diesen Austausch zu einer besonderen Erfahrung.
Und all dies unter dem übergeordneten Projektthema „Life of Colours – Colours of Life“, mit dem sich die jeweils 21 indischen und deutschen Schülerinnen und Schüler beschäftigten. Eine kleine Entdeckungsreise zur Herstellung von Farben, zu kulturellen Unterschieden in der Wahrnehmung von Farben, zur Bedeutung von Farben in verschiedenen Bereichen wie Architektur, Essen oder Kunsttechniken, erkundet durch chemische Experimente im Haus, durch Exkursionen – wie etwa zur Firma „Eckart EffectPigments“– oder durch „klassische“ Recherchen im Internet inklusive ihrer Aufbereitung als Präsentation.
„Die Inder kommen!“ Anfang Juli 2015: Die Hitzeperiode nimmt ihren Anfang teilweise mit Temperaturen jenseits der 40 Grad. Nach der Ankunft in Lauf erleben die indischen Gäste ihren ersten Kulturschock: Lauf – beschaulich, klein und bürgerlich als Gegenerfahrung zum hektischen, umtriebigen und auch stickigen Bangalore. Wie in Lauf gefeiert (und geschwitzt) wird, erlebten die Inder am Kunigundenumzug und beim anschließenden Reigen. Ein buntes Erlebnis für die indischen Gäste mit ihren traditionellen indischen Kleidern wie den Saris. Ein fröhlich-freundliches „Namaste!“ zauberte ein Lächeln bei Schülern wie Lehrern auf die Lippen. Das Motto „Vielfalt der Kulturen“ wurde auch durch die Teilnahme der Inder am Umzug umgesetzt.
Die folgende Woche lief auf den „indischen Abend“ in der Aula des CJT zu. Ein wahrhaft bunter, sinnlicher Abend, an dem die indische Gruppe durch Tänze bestach und das Thema „Colours“ umfassend darstellte. „Toll! Beeindruckend! Großartig!“ war durch die Reihen der Zuschauer und Zuhörer aus dem Umfeld der gesamten Schule zu hören.
Ein Austausch hat viel mit `sich austauschen` zu tun. Miteinander reden und miteinander erleben – dies gehörte zu den wesentlichen Zielen des gemeinsamen Wochenendes aller Teilnehmer in den bayerischen Alpen. Für die indischen Gäste hieß dies zu jodeln und zu schuhplatteln, aber auch mitten im Juli auf fast 3000 Meter am Zugspitzplatt Schnee zu fühlen und sogar zu rodeln. Ein Bild von der Marienbrücke auf das weltberühmte Schloss Neuschwanstein darf in keinem Album eines asiatischen Deutschlandreisenden fehlen – gesehen und abgehakt! Eine gemeinsame Flussüberquerung oder das abendliche Volleyballspiel, aber auch die Erfahrung einer stundenlangen Busreise bei 40 Grad Außentemperatur und der gefühlt doppelten Temperatur im Bus rundeten das Gemeinschaftserlebnis ab.
Natürlich stießen wir auch auf kulturelle Differenzen. Darauf waren wir bereits beim interkulturellen Training vorbereitet worden. Aber das durchaus unterschiedliche Zeit – und Organisationsverständnis strapazierte trotzdem so manche Nerven.
Und sonst? Teambuilding im Pottensteiner Kletterwald, leuchtende Augen (vor allem des männlichen Teils) in der Münchner Allianz-Arena und in der BMW-Welt, Nürnberg mit dem Tiergarten und dem Reichsparteitagsgelände. Dazu ungezählte private Unternehmungen und Eindrücke vom Kanufahren auf der Wiesent über Zelten am Brombachsee bis zur Teilnahme an einer deutschen Hochzeit.
Dementsprechend erschöpft, euphorisch aber auch traurig war die Stimmung beim Abschiedsabend im Pausenhof des CJT. „See you soon! We’ll show you wonderful and incredible India!“

Drei Monate später.
Vertrautes und Fremdes erwartete die Gruppe in Bangalore. Vertraute Gesichter, die Austauschpartner warteten nachts um 3.00 Uhr am Flughafen Bangalore. Eine herzliche Begrüßung, Blumenkränze um den Hals, das traditionelle Bindi auf die Stirn – man kennt sich. Gleichzeitig neue Sinneseindrücke für alle, Gewürze in der Luft, und selbst mitten in der Nacht teilweise dichter Verkehr.
Verkehr. Kaum ein Thema sorgte in den ersten Tagen für so viel Gesprächsstoff. Geschichten über fünfköpfige Familien, die auf einem kleinen Mofa reisten, Dauerstau, flanierende Kühe mitten in der Stadt, Busfahrer am Rande des Wahnsinns, Abbiegen mit Hupen statt mit Blinken, und überhaupt Hupen als andauernde Hintergrundmusik – jeder konnte täglich neue Rekorde vermelden. (Geheimtipp: AppStore und GooglePlay bieten Hup-Apps. Gegen den Entzug von Hintergrundgeräuschen!)
Und Menschen, Menschen, Menschen. Eine wachsende indische Megametropole wie Bangalore spürt man in den Straßen durch den nie versiegenden Strom an Menschen. Einsame Stellen sind sogar Kilometer außerhalb eher die Ausnahme. Selbst die Schule beherbergt mehr als 5000 Schüler. Einen kleinen Eindruck konnten wir bei der offiziellen Begrüßung bekommen, bei der ca. 300 Schüler in Reih und Glied die indische Nationalhymne im Stehen sangen.
Das Programm war im besten Sinne „indisch“. Wir lernten Yoga bei einem Yogalehrer kennen. Die Anfänger unter uns würden sagen: Meditationsyoga, Lachyoga, Bewegungsyoga. Und jeder konnte die Verbindung von fernöstlicher Philosophie und Psychologie mit moderner Technologie erfahren, als eine Dame als „Healer and Trainer“ vom Institut TranquilGardens die Aura eines jeden deutete und die Persönlichkeit analysierte. Mystik, Glaube, Wahrheit, Wissenschaft – vieles fließt bei der Analyse von Fotos, die durch einen Farbfilter geschickt werden, ineinander. Für Inder eine Selbstverständlichkeit, für rationale Europäer in der Nähe von Horoskopen und Hokuspokus.
Einen Höhepunkt des Aufenthalts stellte unsere Darbietung zum Thema „Colours“ dar. Der Rahmen war pompös – große Bühne, 3x4 Meter LED-Wand und der (vermeintliche) deutsche Botschafter als Ehrengast. 15 indische Arbeiter beim Auf- und Abbau, zehn Köche am Buffet – da wirkt die CJT-Aula klein und bescheiden dagegen. Wir hatten aber Großes zu bieten: Eine Art Theaterstück, das Geschichten zum Thema Farben, Deutschland und unserer Schule erzählte. Alle Schüler sprachen „frei“ Englisch – ein Traum für jeden Englischlehrer!
Mit Spannung erwartet wurde der gemeinsame Ausflug an den Indischen Ozean. 16 Stunden im Nachtzug durch Indien – für einige zunächst eine gruselige Vorstellung bzw. eine große Überwindung. Vorstellung und Überlieferung vorheriger Reisegeneration/en und Realität stimmten nur teilweise überein. Die Toiletten, auch die im „European Style“, entsprachen zwar nicht unbedingt dem ICE-Standard, aber was braucht der Mensch mehr als ein Bett, gute Unterhaltung und lebenswichtige Nahrungsmittel? (Auch in Indien gibt es Pizza, Pommes und Burger mit Cola!) Und es ist eben ein bisschen anders in Indien: Offene Türen während der Fahrt, Müllentsorgung kistenweise durch die entsprechende offene Tür aus dem fahrenden Zug und gerne mal vier Stunden Verspätung. Zeit ist relativ. Und manchmal auch relativ knapp. 24 Stunden Aufenthalt bei jeweils mehr als 16 Stunden An- und Abreise – der Weg ist das Ziel.
Die Tage, die die Teilnehmer in der Familie verbrachten, waren vor allem durch das Lichterfest Diwali geprägt. Man besuchte Verwandte und Nachbarn, übergab kleine Geschenke, entzündete Kerzen und bewunderte die Leuchtkerzen in den Fenstern der großen Wohnkomplexe. Drei Tage lang wurden abends Böller gezündet, vereinzelt waren Leuchtraketen zu sehen.
Ein herzlicher Dank an alle Teilnehmer für die gemeinsame Erfahrung. Ein herzlicher Dank an die Sponsoren von der Robert-Bosch-Stiftung. Ein herzlicher Dank an das Umfeld von Eltern und mitarbeitenden Kollegen (insbesondere die Kolleginnen Frau Harms und Frau Nikol und die Kollegen Herrn Kraus, Herrn Eichelsbacher, Herrn Härtel und Herrn Tirakitti). Und natürlich an die indische Partnerschule DPS Bangalore South mit den Organisatoren und Teilnehmern.

Was bleibt? Eine einmaliges Gruppenerlebnis, Schüler, die an der großen Aufgabe gewachsen sind, viele große Eindrücke, und für die meisten neue Freunde aus einer anderen Kultur. Für die Kapitäne alias begleitenden Lehrer eine lange, intensive, arbeitsreiche und vor allem lohnende Erfahrung.
Die lange Reise ist zu Ende. Und wer reist, der kann eine und sogar viele Geschichten erzählen. Gute Reise der nächsten Expedition nach Indien!

Daniel Kühne und Christian Weber